10. Münchener Biennale - Internationales Festival für neues Musiktheater


Biennale plus



Ein Konzertwochenende zur Münchener Biennale 2008


Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung



Sie haben Zeichen und Maßstäbe gesetzt, die fünf Ensembles, die das Konzertwochenende der Münchener Biennale gestalten. Aus der Vermittlung der Gegenwartsmusik sind sie nicht wegzudenken: das Ensemble Modern, das sich 1980 in Frankfurt am Main gründete, das Münchener Kammerorchester, das schon über fünfzig Jahre besteht, aber seit den Neunzigerjahren einen gewichtigen Schwerpunkt auf Neue Musik legt, das Österreichische Ensemble für Neue Musik, das sich in Österreich das Engagement für zeitgenössische und avancierte Tonkunst freundschaftlich mit dem Klangforum Wien teilt, und last, but not least, das Ensemble intercontemporain, in seiner engen Bindung an das IRCAM (Institute de Recherche et de Coordination Acoustique-Musique) ein Pionierensemble seiner Art, insbesondere was die Weite seiner Möglichkeit einschließlich der Elektronik betrifft.
Sie stellen neue Kompositionen vor, darunter sechs Auftragswerke für die diesjährige Jubiläums-Biennale. Ein großer Teil der vertretenen Komponisten begann den Weg zum Musiktheater und in die internationale Aufmerksamkeit bei der Münchener Biennale, drei von ihnen sind beim diesjährigen Festival auch mit Musiktheaterproduktionen vertreten. Die Konzertreihe eröffnet ein Panorama dessen, was die Münchener Biennale in den zwanzig Jahren ihres Bestehens in das internationale Musik(theater)leben eingab. Sie vermittelt zugleich in konzentrierter Form und in gewichtigen Stichworten einen Einblick in das, was eine Zweite Moderne in der Musik heißen könnte, offener, aber nicht weniger verbindlich als die Erste.
Diese „Passagen durch die Moderne“ wurden möglich durch die Förderung der Ernst von Siemens Musikstiftung, der an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

Karten: € 15,–
Ermässigt: € 8,–
Abonnement für alle fünf Konzerte: € 38,–
Ermässigt: € 28,–

Einführungsgespräch: Biennale plus
Fr 25. April, 18.30 Uhr
Gasteig/ Raum 0.131
Eintritt frei


Ensemble modern



Brian Ferneyhough (*1943):

Chronos-Aion, Konzert für Ensemble (2008)


Uraufführung
Auftragswerk des Ensemble Modern mit freundlicher Unterstützung der Freunde des EM e.V. und aus Mitteln des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale

Claus-Steffen Mahnkopf (*1962):

3. Kammersymphonie (2007)


Uraufführung
Auftragswerk der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale

Helmut Lachenmann:

GOT LOST... Musik für Stimme und Klavier (2008)


Uraufführung
Auftragswerk der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale
Sarah Leonard, Sopran
Rolf Hind, Klavier

Helmut Lachenmann (*1935):

Concertini (2004/5)


Auftragswerk von Betty Freeman und dem Lucerne Festival für das Ensemble Modern

Dirigent: Franck Ollu

Fr 25. April, 20 Uhr
Gasteig/Carl-Orff-Saal

Am Freitag, den 25. April um 15 Uhr in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste findet eine Vorführung des Films ...wo ich noch nie war/ Der Komponist Helmut Lachenmann von Bettina Ehrhardt statt, zu der die Bayerische Akademie der Schönen Künste und die Münchener Biennale sehr herzlich einladen. Der Eintritt ist frei.


Helmut Lachenmann, Brian Ferneyhough und Claus-Steffen Mahnkopf gehören verschiedenen Generationen an. Eines aber verbindet sie: die Auseinandersetzung um eine aktuelle Moderne, die um das „Altern der Avantgarde“ weiß.
Die Moderne begleitete ihr künstlerisches Schaffen mit gründlicher Selbstreflexion. An ihrem Anfang stand Kandinskys bahnbrechende Schrift: Über das Geistige in der Kunst. Was der Titel sagt, blieb eine Credo des Aufbruchs in allen Künsten. Von diesem Anspruch ist auch heute nichts zurückzunehmen. Er stellte sich nach der Zeit des Nationalsozialismus mit besonderer Dringlichkeit. Keiner wies deutlicher darauf hin als Helmut Lachenmann. Keiner verlangte beharrlicher vom Komponisten, den kritischen Gedanken ganz in musikalischen Konfigurationen auszuformen. Dass die denkende Konsequenz alles andere als Emotionsverzicht bedeutet, belegen die Reaktionen auf seine Werke, die aufgebrachten wie die zustimmenden. Concertini komponierte Lachenmann für das Ensemble Modern. „Es sind eigensinnige, undomestizierte Geräuschklänge, die im Labyrinth der Concertini herumirren und -schwirren, späte und überraschend neue Blüten eines kompositorischen Denkens, das aus dem Kampf gegen die Konvention noch immer Kraft zu schöpfen versteht. Im neuen Ensemblewerk entfalten sie eine ungewöhnliche Sprachfähigkeit und Ausdruckskraft.“ (Max Nyffeler)– Mit GOT LOST, der Komposition für die diesjährige Jubiläums-Biennale, beschreitet Lachenmann neue Wege. Die Besetzung ist klassisch reduziert: Singstimme und Klavier, wie im Kunstlied, die Texte Nietzsches und Pessoas in ihrer Diktion verständlich bewahrt. Lachenmann erweist sich auch hier als Komponist gegen präformierte Erwartungen.

Wie Helmut Lachenmann wandte sich Brian Ferneyhough erst spät dem Musiktheater zu. Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern hatte 1997 in Hamburg Premiere. Brian Ferneyhoughs erstes Bühnenwerk Shadowtime erlebte seine Uraufführung im Rahmen der Münchener Biennale 2004. Im Zentrum stehen Denken, Leben und Tod des Schriftstellers und Kulturphilosophen Walter Benjamin. Was er schrieb, zeichnet sich durch scharfen Verstand und durch die Fähigkeit aus, hinter die Dinge zu leuchten. Eben diese Spannung zwischen rationaler Genauigkeit und Offenheit für das, was wir noch nicht kennen, durchzieht auch Brian Ferneyhoughs Denken und Schaffen. Musik zu komponieren, ist ein rationaler Vorgang. Als Kunstform dringt sie in Bereiche vor, in denen sich unser Wissen nur unsicher bewegt. Die Öffnung zur Transzendenz geht bei Ferneyhough in den letzten Jahren mit punktuellen Durchsichten in die Vergangenheit einher. Musik wird transparent gegenüber dem, was war, und dem, was noch nicht ist. Den dialektischen Horizont der Zeit deutet der Titel seines neuen Werkes Chronos – Aion an: Chronos als gemessene, Aion als Lebenszeit, erfüllte oder unerfüllte, mit Hoffnung und Erinnerung, Erwartung und Rückblick.

Claus-Steffen Mahnkopf studierte bei Ferneyhough. Auch er bezog seine erste Komposition für das Musiktheater auf Walter Benjamin. Angelus Novus wurde 2000 bei der Münchener Biennale uraufgeführt. Es enthält im Zentrum Mahnkopfs zweite Kammersymphonie. Die dritte Kammersymphonie wird nunmehr, als Weiterdenken ihrer Vorgängerin, bei der 11. Münchener Biennale erstmals aufgeführt. Der Begriff der Kammersymphonie ist zum Symbol des geistigen Aufbruchs geworden. Schönberg wählte den Titel vor gut hundert Jahren für ein Werk, das die Perspektiven zur Moderne öffnete. Claus-Steffen Mahnkopf widmete dem Schlüsselwerk eine ausführliche Betrachtung. So markieren die Kammersymphonien nicht nur in Mahnkopfs Œuvre Etappen einer Entwicklung. Sie stellen zugleich die Verbindung her zwischen der Zweiten Moderne, für die er leidenschaftlich plädiert, und der ersten, für die Schönbergs Name beispielhaft steht.


Franck Ollu

wurde in La Rochelle geboren. Nach seinem Studium in Paris wurde er 1990 als Solohornist vom Ensemble Modern engagiert. Sein Dirigentendebüt gab er 1999 als Partner von John Adams in Ives’ Symphonie Nr. 4. Seitdem arbeitet er regelmäßig mit Spezialensembles Neuer Musik, u. a. dem Ensemble Modern und der London Sinfonietta, dirigiert in der Serie Music of Today des Philharmonia Orchestra in London. Er ist Künstlerischer Leiter des schwedischen KammerensembleN. Darüber hinaus wird er von namhaften Symphonieorchestern eingeladen. Er leitete u. a. das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Orchestre National de Lyon und das Orchester des italienischen Rundfunks. Franck Ollu dirigierte zahlreiche Uraufführungen zeitgenössischer Musik, darunter Werke von Hans Zender, Peter Eötvös, Emmanuel Nuñes, Brian Ferneyhough und Wolfgang Rihm. Er dirigierte die Weltpremiere von George Benjamins neuer Oper, die nach ihrer Uraufführung in Paris in Amsterdam, Dresden, Liverpool, Frankfurt, Wien und New York gastieren wird.

Sarah Leonard

, die britische Sopranistin, in Winchester geboren, wurde an der Guildhall School of Music and Drama in London ausgebildet. In ihrem Repertoire legt sie einen starken Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik, sie gilt auf diesem Gebiet als eine der führenden und vielseitigsten Interpretinnen. Neben vielen anderen Werken des zeitgenössischen Musiktheaters sang sie u.a. die Uraufführung von Helmut Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern in Hamburg. Sie arbeitet regelmäßig mit den führenden Ensembles für Neue Musik zusammen, dem Ensemble Modern, dem Schoenberg und Nieuw Ensemble, dem Hilliard Ensemble und dem Ensemble intercontemporain.

Rolf Hind

, der britische Pianist hat sich vor allem auf die Interpretation Neuer Musik verlegt. Viele Gegenwartskomponisten, darunter Poul Ruders, Simon Holt und Unsuk Chin, schrieben Solokonzerte für ihn. Zahlreiche Aufnahmen spielte er für verschiedene CD-Labels und Rundfunkanstalten ein. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem BBC Symphony Orchestra und mit der London Sinfonietta. Regelmäßig konzertiert der britische Pianist bei den renommierten Festivals Neuer Musik. Konzertreisen führten ihn nach Korea, Taiwan, Kuba, Neuseeland und Australien. In den letzten Jahren trat Rolf Hind zunehmend auch als Komponist hervor. Er erhielt Kompositionsaufträge unter anderem von der BBC, dem Huddersfield und dem Brighton Festival sowie vom Westdeutschen Rundfunk.

Ensemble Modern


Das Ensemble Modern (EM), 1980 gegründet, seit 1985 in Frankfurt/Main beheimatet, ist in seiner Arbeits- und Organisationsweise weltweit einzigartig. Es gibt keinen künstlerischen Leiter; Projekte, Gastmusiker, Koproduktionen und finanzielle Belange werden gemeinsam entschieden und getragen. Die MusikerInnen sind zugleich Gesellschafter des Ensembles, bringen ihre Erfahrungen und Interessen in die Planung ein. Daraus entsteht eine programmatische Bandbreite, die Musiktheater, Tanz- und Videoprojekte, Kammermusik, Ensemble- und Orchesterkonzerte umfasst. Jährlich gibt das EM ca. 100 Konzerte. In enger Zusammenarbeit mit den Komponisten, verbunden mit dem Anspruch nach größtmöglicher Authentizität, erarbeiten die Musiker jedes Jahr durchschnittlich 70 Werke neu, darunter etwa 20 Uraufführungen. Tourneen führten das EM nach Russland, Südamerika, Japan, Australien, Indien, Korea, Taiwan und in die USA. Regelmäßig tritt es weltweit bei renommierten Festivals auf. Für groß besetzte Orchesteraufführungen wurde 1998 das Ensemble Modern Orchestra (EMO) ins Leben gerufen. Die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) vermittelt seit Sommer 2003 die Erfahrungen mit zeitgenössischer Musik an die junge MusikerInnen-Generation. Das Ensemble Modern wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, sowie über die Deutsche Ensemble Akademie e.V., durch die Stadt Frankfurt, das Land Hessen, die GEMA-Stiftung und die GVL.




Münchener Kammerorchester



Giacinto Scelsi (1905–1988):

Natura Renovatur (1967)



Márton Illés (*1975):

post torso für Streichorchester (2008)


Uraufführung
Auftragswerk der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale

György Kurtág (*1926):

Ligatura (1989)



Toshio Hosokawa (*1955):

Ceremonial dance (2000)



Isang Yun (1917-1995):

Kammersinfonie Nr. I (1987)



Dirigent: Alexander Liebreich

Sa 26. April, 20 Uhr
Gasteig/Carl-Orff-Saal


Das Münchener Kammerorchester präsentiert sich mit den Schwerpunkten seiner Arbeit: kulturellen Brückenschlägen und der Förderung junger Komponisten. Márton Illés, der heute im badischen Karlsruhe lebt und lehrt, stammt aus Ungarn, erhielt dort seine Grundausbildung, ehe er u. a. bei Wolfgang Rihm studierte. Der schätzt Begabung und Können seines einstigen Schülers hoch ein: „Márton Illés schreibt eine Musik, in der sich Kalkül und Risiko präzise ausbalanciert die Waage halten. Die Emotionalität ist stets in ein verbindliches Struktur-Ganzes eingelassen; die Rationalität ist konfrontiert mit geschärfter Klangkraft und Ausbruchsenergie. So gelingt es ihm in jungen Jahren zu einer verbindlichen Aussage zu gelangen, die gelassen aus sich selbst zu wirken in der Lage ist, ohne sich irgendeiner Tagesmode versichern zu müssen.“
Seine neue Komposition für Streichorchester steht in unmittelbarer Nachbarschaft eines Werkes von György Kurtág, das ebenfalls auf eigenwillige Weise die Klangmöglichkeiten des Streicherensembles erforscht. Ligatura wurde ursprünglich für die Violoncellovirtuosin Frances Maria Uitti komponiert, die mit zwei Bögen zugleich spielte und dadurch ihrem Instrument eine ungeahnte Vielfalt an Tönen, Klängen und musikalischen Gesten entlocken konnte. Später stellte Kurtág eine Fassung für je zwei Violin- und Violoncellopartien und Celesta her, gleichsam eine kammerorchestrale Auffächerung des sensibel-farbenreichen Stücks.
Den Rahmen des Konzerts stecken zwei Komponisten, die auf verschiedene Weise für die kulturellen Brüche zwischen Europa und dem Fernen Osten stehen. Giacinto Scelsi, der große Geheimnisvolle unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts, überwand, eine persönliche Krise durch geistige Neuorientierung. Musikalisch setzte er beim Phänomen des einzelnen Tones an, erkundete von ihm aus das Spektrum an Klängen und Bewegungen. Festigkeit gewann er unter anderem durch die Beschäftigung mit fernöstlicher Religion und Philosophie. Sich selbst sah er an den Schnittlinien zwischen den beiden weltbestimmenden kulturellen Hemisphären.
Isang Yun, in Korea geboren und aufgewachsen, suchte nach Studien in Osaka zusätzliche künstlerische Impulse in Europa. Berlin wurde schließlich zum Mittelpunkt seines Lebens und Wirkens. In der ersten Kammersinfonie „fließt der Klangstrom, gegliedert durch ein Prinzip der Actio und Reactio: Ein Impuls löst einen Gegenimpuls aus, das ist ein Yin und Yang, das Kleine im Großen“ (Alexander Liebreich).
Wie fruchtbar sich europäische und fernöstliche Tradition begegnen können, welch langer Atem aber nötig ist, um über oberflächliche Adaptionen hinauszukommen, dafür steht beispielhaft Toshio Hosokawa. In Hiroshima geboren, studierte er zunächst in Tokio, dann in Berlin bei Isang Yun und in Freiburg bei Klaus Huber. Sein Vision of Lear erlebte 1998 bei der Münchener Biennale ihre Premiere. Hosokawa nimmt am Musikleben Europas und Japans in gleicher Weise teil, trägt hier wie dort Sorge für eine beständige, tiefgründige Auseinandersetzung unterschiedlicher Kulturen. Musik ist für ihn Teil des allgemeinen geistigen Lebens, intensiver Ausdruck von Humanität.


Alexander Liebreich

, 1968 in Regensburg geboren, schloss 1996 seine Studien an der Hochschule für Musik und Theater in München mit Auszeichnung in den Fächern Dirigieren und Gesang ab. Als Assistent von Sir Colin Davis und von Roberto Abbado arbeitete er an der Bayerischen Staatsoper. Wesentliche Impulse erhielt er von Michael Gielen und Claudio Abbado, der ihn zu Opernprojekten der Berliner Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen einlud.
Alexander Liebreich steht für eine junge Dirigentengeneration, für die der Grenzgang zwischen großen Symphonieorchestern und kleineren, flexiblen Ensembles selbstverständlich ist. Seit dem Gewinn des Kondraschin-Wettbewerbs 1996 wird er regelmäßig von namhaften europäischen Orchestern eingeladen. Seit Herbst 2006 ist er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Münchener Kammerorchesters.
Liebreich initiierte mit dem Goethe Institut und dem DAAD das „Korea-Projekt“. 2002 führte er mit der Jungen Deutschen Philharmonie in Nord- und Südkorea erstmals Bruckners 8. Symphonie auf. Fasziniert von der Musikalität und Begeisterungsfähigkeit der Koreaner, führte er die kulturelle Vermittlungsarbeit zwischen Deutschland und Korea mit weiteren Reisen fort.


Münchener Kammerorchester


Für seine einzigartige Programmatik erhielt das Münchener Kammerorchester zahlreiche internationale Auszeichnungen. In seinen Konzerten kontrastiert es zeitgenössische Musik – teilweise in Uraufführungen – mit klassischen Werken. Das Ensemble tritt in rund 60 Konzerten pro Jahr in West- und Osteuropa, in den Vereinigten Staaten, in China, Japan und Zentralasien auf. Im Zentrum seines künstlerischen Wirkens steht die Münchener Abonnementsreihe, die in jeder Saison unter einem thematischen Leitgedanken steht.
Das Münchener Kammerorchester wurde 1950 von Christoph Stepp gegründet. Hans Stadlmair leitete und prägte es von 1956 bis in die Neunzigerjahre. 1995 übernahm Christoph Poppen die künstlerische Leitung und verlieh dem Orchester innerhalb weniger Jahre ein neues Profil. Seit der Saison 2006/07 ist Alexander Liebreich Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des MKO; Liebreichs erste Saison unter dem Thema Licht wurde mit einhelliger Begeisterung aufgenommen. Die Saison 2007/08 steht unter dem Thema Politik.
Das Orchester vergibt in jeder Spielzeit mehrere Kompositionsaufträge. Mit der Saison 2003/2004 begann das MKO in der zentralen Rotunde der Pinakothek der Moderne die Reihe Nachtmusik der Moderne, sie widmet sich jeweils einem zeitgenössischen Komponisten. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Projekt München, eine Zusammenarbeit mit Institutionen im Jugend- und Sozialbereich. Die Kooperation mit der Münchener Biennale hat Tradition; das MKO wirkte 1996 in Tan Duns Marco Polo, 2000 in Chaya Czernowins Pnima – ins Innere und 2004 in Cantio von Vykintas Baltakas mit.
Das MKO hat 25 fest angestellte Musiker und wird von der Stadt München, dem Land Bayern und dem Bezirk mit öffentlichen Zuschüssen gefördert. Seit der Saison 2006/07 ist die European Computer Telecoms AG (ECT) offizieller Hauptsponsor des Orchesters.






Österreichisches Ensemble für Neue Musik (oenm)



Cheng Huihui (*1985):

Ripples für Klaviertrio (2007)


Europäische Erstaufführung

Sebastian Claren (*1965):

Untrue für Kammerensemble (2007)


Uraufführung
Auftragswerk der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale

Beat Furrer (*1954):

Spur für Klavier und Streichquartett (1998)



Pause

Salvatore Sciarrino (*1947):

Quaderno di strada (2003)



Thomas E. Bauer, Bariton
Dirigent: Beat Furrer

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater, München

So 27. April, 16 Uhr
Hochschule für Musik und Theater/Grosser Konzertsaal


Unter der Leitung von Beat Furrer, Gründer des Klangforums Wien, selbst ein Komponist der sensiblen Wege, bringt das Österreichische Ensemble für Neue Musik Stücke seiner Erfolgsgeschichte mit zur Münchener Biennale. Das Ensemble, das sein Profil in enger Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen schärfte, führte dort 2006 zum ersten Mal Sebastian Clarens Krieg 1: Untrust auf. Der Berliner Komponist, der ein höchst instruktives Buch über Morton Feldman herausgebracht hat, komponierte Untrust inzwischen weiter. Die neue Stufe dieser Werkidee, nunmehr für Kammerensemble statt für großes Orchester, erlebt bei der Münchener Biennale seine Uraufführung.
Zum Repertoire des Ensembles zählt Salvatore Sciarrinos Quaderno di strada, eine „verschmitzt doppelbödige Komposition“ (Peter Hagmann) nach Eintragungen in einem Notizbuch. „Wir werden von der Musik bis an die Schwelle der Stille geführt, wo unser Ohr sich schärft und der Geist sich jeglichem Klangereignis öffnet, als würde er es zum ersten Mal hören“, schrieb der Komponist dazu. „Die Wahrnehmung wird erneuert, das Zuhören zum emotionalen Ereignis. Aus den Trümmern verlorengegangener Gesamtheiten bilden sich – wie aus Notizen – weitere Zusammenhänge, andere Wege. Daraus schöpfe ich die Mittel, um meine Musik zu schaffen.“
Mit Cheng Huihui porträtiert das Ensemble eine junge chinesische Komponistin, die erst vor kurzem ihren ersten Studienabschluss (Bachelor) absolvierte und nun an der Zentralen Musik(hoch)schule in Peking ihren „Master“ ansteuert. Bereits als Studentin erhielt sie mehrere Preise, ihr Quartett Fengshengming wurde für das Festival der chinesischen Kultur 2006 in Berlin ausgewählt. Für Ripples (Wellengekräusel) erhielt sie im vergangenen Jahr den ersten Preis beim Kompositionswettbewerb con tempo – neue Kammermusik in China. Sie ist eine Hoffnungsträgerin der jungen Komponistengeneration.



Beat Furrer

, 1954 in Schaffhausen geboren, studierte nach seiner Übersiedlung nach Wien 1975 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Dirigieren bei Otmar Suitner und Komposition bei Roman Haubenstock-Ramati. 1985 gründete er das Klangforum Wien, das er bis 1992 leitete und dem er seitdem als Dirigent verbunden ist. Im Auftrag der Wiener Staatsoper schrieb er seine erste Oper Die Blinden, Narcissus wurde 1994 beim steirischen herbst an der Oper Graz uraufgeführt. 1996 war er Composer in residence bei den Musikfestwochen Luzern. 2001 wurde das Musiktheater BEGEHREN in Graz uraufgeführt, 2003 die Oper invocation in Zürich und 2005 das Hörtheater FAMA in Donaueschingen. Seit Herbst 1991 ist Furrer Ordentlicher Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Graz. Eine Gastprofessur für Komposition nimmt er seit 2006 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt wahr. 2004 erhielt er den Musikpreis der Stadt Wien, seit 2005 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 2006 wurde er für FAMA mit dem Goldenen Löwen bei der Biennale Venedig ausgezeichnet.


Österreichisches Ensemble für Neue Musik


Das Österreichische Ensemble für Neue Musik (OENM) wurde 1975 von den Komponisten Klaus Ager und Ferenc Tornai gegründet. Seit 1997 etablierte es sich unter der Leitung des Geigers Frank Stadler und des Cellisten Peter Sigl als internationales Spitzenensemble für Neue Musik. Streicherkern des Ensembles ist das stadler quartett. Mit dem Ziel, einen Überblick über die neuesten Tendenzen der internationalen Musik zu geben und das kompositorischen Schaffen der Region zu unterstützen, arbeitet das Ensemble mit jungen Komponisten zusammen; ca. 300 Werke wurden uraufgeführt. Das Repertoire reicht vom Experiment mit neuen Klanginstrumenten über Elektronik und Musiktheater bis zur Musikinstallation. 2002 begann die Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen und der Internationalen Sommerakademie des Mozarteums. 2003 spielte das OENM vier Festspiel-Konzerte. 2004 musizierte es mit Dietrich Fischer-Dieskau, 2005 stand ein Porträtkonzert Chaya Czernowin im Festspielprogramm, 2006 folgte im Rahmen von Mozart 22 die Uraufführung von Czernowins Adama. OENM und stadler quartett spielen wesentliche Rollen bei den Dialogen der Internationalen Stiftung Mozarteum, beim stART Festival in Salzburg. Gastspiele führten die Musiker in alle großen Musikzentren Europas, nach Mittel- und Südamerika, in die USA und nach Asien. Johannes Kalitzke ist erster Gastdirigent des OENM.





Ensemble intercontemporain



Isabel Mundry (*1963):

Gefächerter Ort (2007)


Deutsche Erstaufführung

Marco Stroppa (*1959):

From Needle’s Eye für Posaune und Ensemble (1996-99/ 2008)


Uraufführung der Neufassung

Fausto Romitelli (*1963):

Professor Bad Trip Lesson I–III (1998-2000)



Diego Tosi, Violine
Benny Sluchin, Posaune

Dirigent: Ludovic Morlot

So 27. April, 20 Uhr
Gasteig/Carl-Orff-Saal


1977 erhielt die musikalische Avantgarde in Frankreich einen festen Wohnsitz. Im Pariser Centre Pompidou konnte Pierre Boulez das Institut de Recherche de Coordination Acoustique/Musique in Betrieb nehmen. Zu den Netzwerken, in denen sich diese Einrichtung für Forschung und Kreativitätsförderung organisierte, gehörte auch das Ensemble intercontemporain, das sein C in der Mitte damals noch groß schrieb, gut dreißig Musikerinnen und Musiker, die sich mit Können und Leidenschaft für neue Musik engagierten. Sie haben Anteil an der Entwicklung des Instituts, an den computergestützten Forschungen, an den vielfältigen Kooperationsformen herkömmlicher und elektronischer Instrumente und an der Entdeckung neuer Klangmöglichkeiten traditioneller Instrumente. Regelmäßig gibt das Ensemble selbst neue Werke in Auftrag, führt sie in Paris, aber auch bei internationalen Festivals auf; es stellt sich außerdem für jede denkbare Zusammenarbeit zur Verfügung: mit Tanz, mit Theater, Film, Video, plastischer und Raumkunst. Grenzüberschreitung ist das Kerngebiet des Ensemble intercontemporain.
Zwei der Werke dieses Konzerts entstanden im Auftrag des Ensembles. Gefächerter Ort von Isabel Mundry wurde im vorigen Sommer in Luzern uraufgeführt. „Der Titel mag einerseits die gleichsam aufgefächerte Disposition des Ensembles andeuten, das sich um die Solo-Violine gruppiert, andererseits verweist er darauf, wie schwer diese Musik zu orten ist. Sie flattert und flimmert, die Solovioline taucht auf und verschwindet wieder im Gesamtklang.“ (Thomas Meyer)
Mit einer zeitgemäßen Deutung solistisch-konzertanten Musizierens setzt sich auch Marco Stroppa, seit 1999 Kompositionsprofessor an der Stuttgarter Musikhochschule, auseinander. From Needle’s Eye, inspiriert durch ein Gedicht von W. B. Yeats, erforscht die vielfältigen Klangmöglichkeiten der Posaune und ihre Interaktion mit räumlich verteilten Ensembles. Das Werk beschäftigte Stroppa immer wieder. 1997 fand die Uraufführung statt. Inzwischen unterzog er es erneut einer gründlichen Überarbeitung. In dieser neuen Gestalt erklingt es hier zum ersten Mal.
Fausto Romitellis Professor Bad Trip verdankt den Titel einer Zeichnung aus der italienischen Hippiebewegung, die generelle Inspiration bezog er aus Texten, in denen Henri Michaux seine Erfahrungen mit Drogen poetisierte, die Musik aber entgrenzt Rock und Avantgarde, collagiert Materialien, die aus unterschiedlichen Kammern des kollektiven musikalischen Erfahrungsschatzes stammen, spannt große Bögen von akustischer Leere zu äußerster Ereignisdichte. Ein Theater in Klängen.


Ludovic Morlot

studierte Violine, ehe er seine Dirigentenausbildung an der Royal Academy of Music und am Royal College of Music in London aufnahm. Mit dem Ensemble intercontemporain verbindet ihn eine regelmäßige und stetige Zusammenarbeit. Seit 2001 ist er dem Boston Symphony Orchestra verbunden, dessen Assistenzdirigent er 2004-07 war. 2002-04 war er unter David Robertson Conductor in Residence beim Orchestre National de Lyon. In den USA dirigierte er außerdem die Philharmoniker in New York und Los Angeles, das Chicago und das Toronto Symphony Orchestra. 2007 wurde er in Würdigung seiner Leistungen zum Associate der Royal Academy of Music gewählt.


Ensemble intercontemporain


Pierre Boulez gründete das Ensemble intercontemporain 1976 mit Unterstützung durch den damaligen Staatssekretär für Kultur, Michel Guy. Das Ensemble wird vom Ministerium für Kultur und Kommunikation finanziert und auch von der Stadt Paris unterstützt. Veranstaltungen für junges Publikum, die Förderung junger Instrumentalisten, Dirigenten und Komponisten sowie verschiedene bildungspolitische Initiativen ergänzen die Schwerpunkte des Ensembles, die Aufführung (und teilweise Beauftragung) neuer Werke, die Arbeit in künsteübergreifenden Projekten, und die internationale Konzerttätigkeit. Verantwortliche Dirigentin ist derzeit Susanna Mälkki.






Klangforum Wien



Enno Poppe (*1969):

Salz (2005)



Klaus Lang (*1971):

the book of serenity (2007)


Deutsche Erstaufführung

Brice Pauset (*1965):

La harpe de mélodie (2008)



Dirigent: Johannes Kalitzke

Mo 28. April, 20 Uhr
Gasteig/Carl-Orff-Saal


Johannes Kalitzke ist Komponist und Dirigent. Seine erste Oper, Bericht über den Tod des Musikers Jack Tiergarten, wurde 1994 im Rahmen der 4. Münchener Biennale uraufgeführt. Als Dirigent kennt Kalitzke die ganz normale Kapellmeisterlaufbahn, die Metier, Umsicht und entschiedene Geduld verlangt, aber auch das besondere Engagement für die Gegenwartsmusik. Als Künstlerischer Leiter verlieh er der musikFabrik, dem Landesensemble Nordrhein- Westfalen, das Profil als eines der kompetentesten Ensembles für Neue Musik. Im Biennale-Konzert dirigiert er jedoch nicht sein eigenes Ensemble, sondern das Klangforum Wien, das sein Kollege Beat Furrer, selbst Dirigent und Komponist, vor gut zwei Jahrzehnten ins Leben rief. Man kennt und schätzt sich aus mehrfacher Zusammenarbeit. Ensemble und Dirigent stellten ein Programm der Kontraste zusammen.
Zwei der Komponisten sind bei dieser Biennale auch mit Musiktheaterwerken vertreten. Das Konzert beleuchtet ihr Schaffen von einer anderen Seite. Enno Poppe gibt seinen Werken gerne kurze lakonische Überschriften. Sie wecken mindestens ebenso viele Fragen wie Assoziationen. Titel wie Obst, Knochen, Öl, Rad, Tier und Salz verweisen auf Physisches. Poppe will die Unmittelbarkeit der Musik, zu der auch ihre Körperlichkeit gehört. Klaus Langs book of serenity ist in mehrere kurze Abschnitte gegliedert, die wie Kapitel eines Buches aufeinander folgen. Es enthält ausgesprochen schnelle Teile. Lang geht der Frage nach, wie Geschwindigkeit in der Musik entsteht und spielt die Dialektik zwischen Figuration und Klang durch – in jener Heiterkeit und Leichtigkeit, die ursprünglich auch in dem Begriff „allegro“ lag.
Ausgangspunkt für Brice Pausets Werk war eine Entdeckung fremder Nähe: überraschende Ähnlichkeiten zwischen einem eigenwillig komplexen Werk des europäischen Mittelalters, Jacquemin Senlèches La harpe de mélodie, und südindischen Musiktraditionen. „Die Übereinstimmungen finden auf besondere Weise ihren Widerhall: eine Musik ohne Plan, ohne triumphierende Architektonik, etwas außerordentlich Fragiles und Erschütterbares“, doch in jedem Moment von klarer Bestimmtheit.


Johannes Kalitzke

, Komponist und Dirigent, studierte in seiner Heimatstadt Köln Kirchenmusik, Klavier, Dirigieren und Komposition. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Studienaufenthalt am IRCAM in Paris. Kalitzke war 1984–1990 Dirigent am Gelsenkirchener Theater im Revier, ab 1988 Chefdirigent. Darüber hinaus übernahm er dort 1986 die Leitung des Forums Neue Musik von Carla Henius. Seit 1991 ist er Künstlerischer Leiter und Dirigent der musikFabrik, des Landesensembles von Nordrhein-Westfalen.
Johannes Kalitzke arbeitet regelmäßig mit Spezialensembles für Neue Musik, wie dem Klangforum Wien, und mit Symphonieorchestern etwa des NDR, des MDR und des Südwestrundfunks. Er dirigierte bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, der Münchener Biennale und den Dresdener Festspielen. Tourneen führten ihn nach Russland, Japan und Amerika.


Klangforum Wien


Beat Furrer gründete 1985 das Klangforum Wien als Solistenensemble für zeitgenössische Musik. Es besteht aus einem Kern von 24 Mitgliedern und versteht sich als demokratisches Forum: Wichtige künstlerische Entscheidungen werden von allen Mitgliedern getroffen. Interpreten, Dirigenten und Komponisten arbeiten gleichberechtigt zusammen.
Das Klangforum Wien setzt sich mit allen Facetten zeitgenössischen Komponierens auseinander von der klassischen Moderne über Werke junger KomponistInnen bis zu experimentellem Jazz und freier Improvisation. Es veranstaltet regelmäßig KomponistInnen-Workshops und musikpädagogische Aktivitäten. Im Wiener Konzerthaus gibt das Klangforum einen programmatisch anspruchsvollen Konzertzyklus. Es wirkt bei Musiktheater-, Film-, Fernseh- und CD-Produktionen mit. Seit 1997 ist Sylvain Cambreling Erster Gastdirigent des Klangforums Wien.