10. Münchener Biennale - Internationales Festival für neues Musiktheater
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Osiris



Regie, Licht, Projektleitung


Brian Michaels

Komponist, musikalische Leitung


Günter Steinke

Text (Zusammenstellung und Übersetzung altägyptischer Totensprüche)


Jan Assmann

Bewegung


Nadia Kevan

Schauspieler


Sandra Borgmann, Carlos Lopez, Florian Reiners, Anne-Isabelle Zils

Mitglieder des Ensembles „folkwang modern“


Flöten: Thomas Wormitt
Klarinetten: Nena Eckelmann
Schlagzeug: Igor Krasowski
Violine: Mika Seiffert
Viola: Valentin Steckel
Violoncello: Nora Krahl
Kontrabass: Johannes Raikas

Lichttechnik


Bernd vom Felde

Bühnenmeister


Volker Löwe

Eine Veranstaltung der Folkwang Hochschule Essen — in Zusammenarbeit mit dem Ägyptischen Museum München und der Münchener Biennale.



Dauer: 60 Minuten


Karten: € 20,-
Ermäßigt: € 12,-


Aufführungen


Di 22. und Mi 23. April, 22 Uhr
Do 24. April, 18 Uhr
Pinakothek der Moderne/Ernst von Siemens-Auditorium


Die Mythen des alten Ägypten erzählen, wie der Tod in die Welt kam und aus der Welt führt: Der König Osiris wurde von seinem Bruder Seth, der sich selbst als Herrscher inthronisieren wollte, getötet und zerstückelt, die Leichenteile warf der Mörder ins Wasser. Doch der Nil schwemmte sie wieder an Land, einen in jeden der 42 Gaue Ägyptens. Isis und ihre Schwester Nephthys suchten und setzten die Glieder des Ermordeten wieder zusammen und beweinten den Toten. Ihre Klagen holten Osiris wieder so weit ins Leben zurück, dass er mit Isis noch einen Sohn und Rächer, Horus, zeugen konnte. Osiris aber wurde danach zum Herrscher der Unterwelt, wo er künftig über die Verstorbenen zu Gericht sitzt.
Ein geheimes Losungswort führt die Verstorbenen vor seinen Thron. Wenn sie das Verhör und die Prüfungen durch ihn und seine Richter bestanden haben, werden sie von ihren Verfehlungen freigesprochen, in die Gemeinschaft des Osiris zugelassen und – symbolisch durch die Sarglegung – von der Himmelsgöttin Nut in sich aufgenommen. Damit schließt sich der Kreislauf des Lebens, wozu die Menschen aus eigener Kraft und eigenem Vermögen nicht fähig sind.
Aus den Sprüchen des Totenbuchs und verschiedener Totenrituale hat der Ägyptologe Jan Assmann die altägyptische Idee vom Weg des Toten durch die Unterwelt ins ewige Leben zu einem szenischen Ritual in fünf Bildern gestaltet. Brian Michaels (Regie) und Günter Steinke (Komposition und musikalische Leitung) bringen "Osiris" in die Pinakothek der Moderne. Die ägyptischen Texte werden gesprochen, rezitiert, nicht gesungen. Günter Steinkes Musik historisiert nicht. Sie ist vielmehr aus der Erfahrung der Moderne komponiert, schafft den Worten Raum – durch Konzentration und Sparsamkeit der Partitur, aber auch durch die Weite, die sie mit ihren Klängen und Formen schafft. Von ihr geht eine eigentümliche Klangmagie aus, sie nimmt selbst bisweilen rituellen Charakter an. „Das Ritual des Osiris verlangt eine spezifische, nicht-bildhafte, ungegenständliche Architektur, eine Architektur des Klangs“ (Brian Michaels). Sie schlägt die Brücken über die Zeiten, und sie verschmilzt mit der sichtbaren Szene. In diese sind die acht Musiker integriert.
"Osiris" entwickelt sich aus der Stille heraus. Dass die alten Ägypter die bedenkende Stille ins Zentrum ihrer Kultur stellten, entwirft ein durchaus akutes Gegenbild zur heutigen Lebenswirklichkeit mit ihren akustischen Dauerbelastungen. Der Desintegration des Erlebens und der Persönlichkeit stellen Michaels und Steinke eine Ästhetik der Konzentration, der Sammlung entgegen. Das alte Ägypten, die große zeitliche Ferne, wird so unversehens zur nahen Fremde.

Günter Steinke
wurde 1956 in Lübeck geboren. Er studierte in Lübeck und Köln Schulmusik und Germanistik, in Freiburg Komposition bei Klaus Huber und elektronische Musik bei Mesias Maiguashca. Er erhielt Stipendien der Darmstädter Ferienkurse, der Heinrich-Strobel-Stiftung und der Akademie Schloss Solitude. Seit 1988 werden seine Werke in Europa und Asien und bei namhaften Festspielen von renommierten Ensembles Neuer Musik (u. a. Ensemble intercontemporain, ensemble recherche, Ensemble Aventure, musikFabrik, Sinfonieorchester des Südwestrundfunks) aufgeführt. Günter Steinke erarbeitete mit dem Experimentalstudio des Südwest-Rundfunks und dem ZKM Karlsruhe Werke mit Live-Elektronik. 1996-99 lehrte Steinke an der Bremer Musikhochschule, 1999–2001 hatte er eine Gastprofessur an der Universität Bremen inne, 2002/03 leitete er das Elektronische Studio der Hochschule für Künste Bremen. Seit 2004 ist er Professor für Instrumentalkomposition an der Folkwang Hochschule Essen.

Brian Michaels
studierte Philosophie an der Universität von Sussex. Seit 1973 lebt er in Deutschland. In Frankfurt gründete er 1978 mit dem Teatro Siciliano das erste Immigrantentheater in Deutschland und leitete es bis 1985. Seit 1985 ist er als Schauspiel- und Opernregisseur tätig. Schauspielregie führte er u. a. in München, Berlin, Frankfurt/Main, Düsseldorf, Essen, Hamburg, Los Angeles, Neu Delhi. Als Opernregisseur arbeitete er lange Jahre mit der Stuttgarter Staatsoper zusammen, inszenierte außerdem u. a. in Basel, Bonn, Darmstadt, Essen, Ulm, Wuppertal und Salzburg. Regelmäßig wird er für Festivals im europäischen Raum engagiert.
Seit 1994 lehrt Brian Michaels als Professor an der Folkwang Hochschule Essen Schauspiel und Regie. Er baute dort einen neuen Fachbereich für Forschung und experimentelles Theater auf.

Jan Assmann
studierte Agyptologie und Gräzistik und lehrte von 1976 bis 2003 als Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Gastprofessuren führten ihn nach Paris, Jerusalem und in die USA. Die ägyptische Totenreligion bildet seit über vier Jahrzehnten einen besonderen Schwerpunkt seiner Forschungen ("Tod und Jenseits im Alten Ägypten" München 2001). Weitere Schwerpunkte sind neben der altägyptischen Religion und Literatur die Wirkungsgeschichte Ägyptens ("Moses, der Ägypter" München 1998; "Die Zauberflöte. Oper und Mysterium" München 2005), die Entstehung des Monotheismus ("Die mosaische Unterscheidung" München 2003) und die Theorie des "Kulturellen Gedächtnisses" ("Das kulturelle Gedächtnis"
).