Der ferne Klang

Das Motto der 13. Münchener Biennale ist bewusst in Anspielung auf ein Werk gewählt, das gleichsam die Portale zum Musiktheater der Moderne öffnete, zugleich auch über Sinn und Rolle von Kunst und Künstler reflektierte. In Franz Schrekers gleichnamiger Oper steht er für Ziel und Ideal des Protagonisten, eines Komponisten. Der vernimmt ihn klar, als er endlich zu der Liebe findet, die er am Anfang seiner Karriere verließ. Symbolisch ist der ferne Klang Urgrund und Utopie des Komponierens in einem. In diesem Sinne zieht sich der Leitgedanke durch die Musiktheaterproduktionen der 13. Münchener Biennale. In Sarah Nemtsovs L’Absence öffnet er als charakteristische Färbung der Musik die Perspektive in eine lange Geschichte. Bei Eunyoung Kim zeichnet er sich als Utopie ab, in der das aktuelle Leben die Fesseln der Tradition abstreift, um Geschichte als Existenzbasis zu gewinnen. In Matthias Ockerts Werk durchläuft der Protagonist den großen Raum, geleitet vom fernen Klang. In Arnulf Herrmanns Musiktheater wird er zum Sinnbild eines großen Abschieds.

L’Absence

Oper in 5 Akten mit Prolog und Epilog für 12 SängerInnen, Sprecher, Tänzerin und Orchester
Text nach Edmond Jabès’ Buch der Fragen

Musik: Sarah Nemtsov
Text: Sarah Nemtsov nach Edmond Jabès

Auftragswerk der Landeshauptstadt München für die Münchener Biennale

Premiere: 3. Mai 2012, Muffathalle

Für das Libretto ihrer Oper wählte Sarah Nemtsov Abschnitte aus Edmond Jabès’ Livre des Questions, die in ihrer suggestiven poetischen Sprache zugleich Handlungselemente für die Bühne bieten. Im Mittelpunkt steht die tragische Geschichte von Sarah und Yukel. Die Liebenden sind getrennt. Yukel sucht verzweifelt nach Sarah. Ist sie tot? Ihre Eltern wurden nach der Deportation umgebracht. Allmählich schält sich die Erkenntnis heraus: Die furchtbaren Ereignisse haben Sarah in den Wahnsinn getrieben. Ihr (Selbst-)Verlust führt dazu, dass auch Yukel sich halbtot fühlt. Das initiale Verbrechen hat damit zwei weitere Opfer, nicht physisch, aber in ihren Seelen umgebracht. Die Wahnsinnige ist im Grunde genommen die Weise: Die junge Frau von einst (die Vergangenheit wird in der Rückschau wie in Traumsequenzen erzählt) kann im Angesicht und in Erinnerung des Grauens nur noch schreien: „Ich höre den Schrei nicht. Ich bin der Schrei!“ (Jabès) Die Struktur des Textes erinnert an Talmud-Traktate. Es gibt einen Erzähler. Immer wieder erscheint ein Chor imaginärer Rabbiner. Das Kontinuum der Zeit ist aufgehoben. Durch Offenheit und Zweideutigkeit der Handlung verschiebt sich ihr Sinn permanent.
In die moderne Textur ihrer Musik wob Sarah Nemtsov in Vortragsweise, Rhythmik und melodischen Wendungen Elemente alter jüdischer Gesangstraditionen ein. Mikrointervalle, Glissandi, bestimmte Vibratoformen bilden die Brücken zwischen Moderne und Urgrund der Überlieferungen. Sie machen den besonderen „Ton“ dieser Partitur aus.

Sarah Nemtsov

1980 in Oldenburg geboren, studierte Oboe und Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und in Berlin (Oboe bei Burkhard Glaetzner, Komposition als Meisterschülerin von Walter Zimmermann). 1995 bis 1999 war sie fünf Mal in Folge Preisträgerin des bundesweiten Wettbewerbs Schüler komponieren. 2003 bis 2007 war sie Stipendiatin für Komposition bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. 2007 erhielt sie den Hanns-Eisler-Preis für Komposition, sowie ein Stipendium der Aribert-Reimann-Stiftung, 2009 ein Stipendium der Wilfried-Steinbrenner-Stiftung. Ihre Werke werden bei international renommierten Festivals aufgeführt, wie dem ISCM World New Music Festival, dem Straßburger Festival musica, der Klangwerkstatt in Berlin, dem Festival „A•DEvantgarde in München, zeit•punkt in Hannover, den Klangwerktagen Hamburg oder Musik 21 Niedersachsen. Ihre Kammeroper Herzland wurde 2006 in Hannover uraufgeführt und in der Reihe Unerhörte Musik (Berlin) präsentiert.

Mama Dolorosa

Musik: Eunyoung Kim
Text: Yona Kim
Regie: Yona Kim

Auftragswerk der Landeshauptstadt München für die Münchener Biennale
Koproduktion mit dem Staatstheater Braunschweig

Premiere: 5. Mai 2012, Carl-Orff-Saal / Gasteig

In der traditionellen koreanischen Gesellschaft galt die konfuzianische Regel: Eine Frau hat drei Männern zu folgen, als Tochter dem Vater, als Gattin dem Ehemann, als Mutter dem Sohn. Mehr als tausend Jahre wurde die Regel streng gelebt. Auch das Christentum, das einen männlichen Erlöser ins Zentrum stellt, setzte sie nicht außer Kraft. Verschwindet sie aus der technisierten, digitalisierten Gegenwart? Das atemberaubende Tempo der Modernisierung lässt einem tieferen Bewusstseinswandel kaum die Zeit.
Eunyoung Kims Oper spielt in einem lauten, belebten Stadtteil von Seoul. Nach Jahren brachte eine Frau endlich einen Sohn zur Welt. Er erweist sich allerdings nicht als die ersehnte Lichtgestalt, sondern ist geistig zurückgeblieben und auch körperlich kein Beau. Desto stärker sieht sich die Liebe der Mutter herausgefordert. „Sie wächst über ihre weibliche Ohnmacht hinaus und wird stärker als alle Väter zusammen. Ihre Macht über den Sohn ist immens, da er ohne sie auf humane Weise nicht existieren könnte.“ Eines Tages werden ihm mit erdrückenden Indizien die Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens aus der Nachbarschaft vorgeworfen. „Das Verhör, ja die Kreuzigung des unmündigen Sohnes beginnt. Was kann die Mutter tun? Verzweifeln in Tränen und Ohnmacht? Stabat Mater Orientalis? Nein, diese Mama Dolorosa Asiana nimmt den Kampf gegen die unbekannte Übermacht auf, die ihre mütterliche Macht bedroht.“ (Eunyoung Kim)

Eunyoung Kim

wurde 1973 in Seoul/Korea geboren. Bereits während der Schulzeit erhielt sie eine professionelle Ausbildung in den Fächern Klavier und Komposition. 1992 bis 1996 studierte sie Komposition an der Yonsei-Universität in Seoul, 1998 bis 2002 Historische und Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2001 setzt Eunyoung Esther Kim ihre Kompositionsstudien an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg bei Peter Michael Hamel und Wolfgang Andreas Schultz fort und ist seither mit zahlreichen Aufführungen ihrer Werke an die Öffentlichkeit getreten. 2005 erhielt sie den Förderpreis für Studierende an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Für die Münchener Biennale schrieb sie 2008 einen Teil einer Kollektivkomposition und -produktion der Hamburger Hochschule für Musik und Theater.

Die Bibliothek von Babel

Musiktheater nach der gleichnamigen Erzählung von Jorge Luis Borges

Musik: Matthias Ockert
Text: Achim Heidenreich
Regie: Yasmin Solfaghari
Bühne: Etienne Pluss

Auftragswerk der Landeshauptstadt München für die Münchener Biennale

Premiere: 9. Mai 2012, Lukaskirche

Kern des Musiktheaters ist Borges’ Erzählung Die Bibliothek von Babel, eine Spekulation über eine mögliche Welt, dargestellt als immer schon existente, unendliche Bibliothek aller möglichen Bücher. Ihre Texte, für die Bewohner meist unverständlich, enthalten nach Ansicht des Erzählers (im Musiktheater Borges als blinder Schauspieler) alle Buchstabenkombinationen des lateinischen Alphabets, als Teilmenge auch alle Texte aller auf diesem Alphabet basierenden Sprachen. Daraus resultiert, dass „niemand eine Silbe zu artikulieren vermag, die nicht voller Zärtlichkeit und Schauer ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige Name Gottes wäre.”
Protagonist des Musiktheaters ist in erster Linie der musikalisch erfüllte, sich ständig verändernde Raum (die Bibliothek). Seine Gestaltung ist durch Breughels Gemälde Der Turmbau zu Babel inspiriert. Borges durchläuft ihn stumm als hörender Beobachter, über Galerien und Wendeltreppen folgt er dem fernen Klang. Sänger, Instrumentalisten und Lautsprecher sind auf den Galerien im Raum postiert. Es gibt keine festen Rollen, sondern Veränderungen, Wandel, Metamorphosen des Raum(klang)s. Zeitliche Chronologien und Kausalitäten werden durch eine Überlagerung und/oder Verzögerung von Gleichzeitigkeiten aufgebrochen. Aus der Beschreibung der Bibliothek von Babel werden verschiedene kompositionstechnische Verfahren abgeleitet. Der Text wirkt assoziativ auf die Komposition und die Schaffung elektronisch beeinflusster Klangcharaktere und -verläufe ein.

Matthias Ockert

integriert instrumentale und elektronische Komposition, Improvisation und Raumkomposition in stil- und kunstübergreifenden Projekten. 1998 legte er sein Architekturdiplom an der Technischen Universität Berlin ab. Während des Architekturstudiums nahm er Unterricht in Komposition bei Carlo Inderhees und in Jazzgitarre bei Costa Lukacz. Als Gitarrist trat er in unterschiedlichen Gruppen der Berliner Jazzszene auf. 1995 bis 2004 hatte er regelmäßig Gitarrenunterricht bei Attila Zoller, dann bei Bill Connors in New York.
2001 bis 2008 studierte Matthias Ockert Komposition bei Wolfgang Rihm und Sandeep Bhagwati an der Hochschule für Musik Karlsruhe. 2008/09 künstlerisches Aufbaustudium Komposition bei Hanspeter Kyburz an der HfM Hanns Eisler Berlin. Matthias Ockert unterrichtet Gitarre/E-Gitarre beim Klangfächer Karlsruhe und ist Lehrbeauftragter für interaktiven Raumklang an der HfG Offenbach/Main. Ein Komponistenporträt Matthias Ockert veranstaltete die Münchener Biennale im Rahmen der Reihe Klangspuren plus am 3. Mai 2010.

Wasser

Musik: Arnulf Herrmann
Text: Nico Bleutge
Regie: Florentine Klepper

Koproduktion mit der Oper Frankfurt (Bockenheimer Depot) und dem Ensemble Modern
Kompositionsauftrag gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung

Premiere: 16. Mai 2012, Muffathalle

Wasser ist die Geschichte einer Auslöschung.
Ein Mann ist auf der Flucht. Er will seine Vergangenheit löschen. Immer wieder durchlebt er entrückte, schizophrene Momente, die andeuten, dass eine Katastrophe geschehen ist.

Doch die Flucht misslingt ihm, er wird seine Vergangenheit nicht los. Es ist wie ein Alptraum: Er versucht zu fliehen und tritt doch nur, wie in einer zähen Masse, auf der Stelle, kommt nicht vorwärts.
Was ihm bleibt, ist am Ende nur die Auslöschung der eigenen Existenz und Geschichte.

Arnulf Herrmann

1968 in Heidelberg geboren, studierte zunächst in München Klavier bei Gernot Sieber, anschließend Komposition (bei Wilfried Krätzschmar), Musiktheorie und Klavier (bei Arkadi Zenzipér) an der Musikhochschule Dresden. Von 1995 bis 1996 war er am Pariser Conservatoire Schüler von Gérard Grisey und Emanuel Nuñes, ehe er seine Ausbildung in Berlin bei Hartmut Fladt und Jörg Mainka (Musiktheorie) sowie bei Friedrich Goldmann, Gösta Neuwirth und Hanspeter Kyburz abschloss. 1999/2000 nahm er im Rahmen eines DAAD-Postgraduiertenstipendiums an dem einjährigen Kurs Komposition und neue Technologien des Pariser IRCAM teil.

Arnulf Herrmann verbindet eine enge Zusammenarbeit mit führenden internationalen Ensembles für zeitgenössische Musik, so mit dem Ensemble Intercontemporain (dessen alle zwei Jahre durchgeführtes Comité de Lecture er 2005 gewann), mit dem Klangforum Wien und besonders mit dem Ensemble Modern. Seine Stücke werden im In- und Ausland gespielt, und sind auf Festivals wie z.B. Donaueschinger Musiktage, Wittener Tage für neue Kammermusik, Wien Modern, Ultraschall Berlin, Eclat Stuttgart und Musica Straßburg präsent.

Für seine Musik erhielt Herrmann verschiedene Preise und Auszeichnungen, u.a. den Hanns Eisler Preis für Komposition (2001), den Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart (2003) und den International Rostrum of Composers (für Terzenseele, 2006). 2008 wurde ihm der Förderpreis/Kunstpreis des Landes Berlin verliehen. Ebenfalls 2008 war Arnulf Herrmann Stipendiat der Villa Massimo in Rom. 2010 erhielt er den Komponistenpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung.

Arnulf Herrmann ist Dozent für Komposition, Analyse und Instrumentation an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Weitere Projekte der 13. Münchener Biennale

Biennale Special

Kollektivkomposition in Zusammenarbeit mit der Universität der Künste Berlin
Premiere: 13. Mai 2012, Reaktorhalle

Konzerte

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Dirigent: George Benjamin

4. Mai 2012, Philharmonie/Gasteig

Münchner Philharmoniker
18. Mai 2012